Weltstar Werner Herzog

von Jan Philipp Richter

Dass Werner Herzog nicht zu den zurückgezogenen Filmemacher/innen gehört, die im Stillen Kraft sammeln und à la Terrence Malick einmal pro Jahrzehnt ein neues Opus schaffen, ist hinreichend bekannt. Spannender ist hingegen festzustellen, dass der bayerische Wahlamerikaner, der in seiner Karriere über fünfzig Filme gedreht hat und bereits weit über das Rentenalter hinaus ist, in den letzten Jahren seinen Output sogar noch einmal steigern konnte.

Während ihm von verschiedenen Seiten Preise für sein Lebenswerk verliehen wurden (beim Deutschen Filmpreis und in Locarno 2013, beim Bayerischen Filmpreis 2017, beim Europäischen Filmpreis 2019), die ja in erster Linie als Würdigung qua Retrospektive gedacht sind, dreht Herzog munter weiter. Schaut man sich seine Produktionen der letzten zehn Jahre an, fällt auf, dass sich darunter jedoch kaum noch Spielfilme finden.

Seine beiden Großproduktionen QUEEN OF THE DESERT (2015, Bild oben) oder SALT AND FIRE (2016), in denen er zwar Star-Ensembles in den dramatischen und lebensfeindlichen Landschaften der nordafrikanischen Wüste und der südamerikanischen Salzseen in klassischer Herzog-Manier den Elementen aussetzte, konnten zudem seinen Epen mit Kinski längst nicht das Wasser reichen. So ganz wollen die konventionell erzählten Filme auch nicht zur Pflege seines Images passen, demzufolge Herzog stets darauf bedacht ist, künstlerische Unabhängigkeit und Unbeugsamkeit gegenüber dem Arbeiten nach dem Prinzip Filmhochschule zu demonstrieren. Nicht ohne Ironie nennt er seine eigenen Filmworkshops schließlich „Rogue Filmschool“, also Schurken-Filmschule, oder besser: die abtrünnige, unberechenbare Filmschule.

Spannend ist Herzog heute vor allem dann, wenn er ungewöhnliche Wege geht, „kleinere“ Formate nutzt und filmtechnische Innovationen zum Tragen bringt. Bereits 2010 dreht er in 3D den Dokumentarfilm CAVE OF THE FORGOTTEN DREAMS (Bild links und Titelbild) über die Felszeichnungen der für die Öffentlichkeit gesperrten Grotte Chauvet in Frankreich, deren Plastizität durch die zusätzliche Dimension auf der Leinwand unmittelbar erfahrbar wurde. In INTO THE ABYSS und der Miniserie ON DEATH ROW bleibt er in beengten Räumen und führt Interviews mit Insass/innen im Todestrakt. FROM ONE SECOND TO THE NEXT (2013) ist ein vom amerikanischen Telekommunikationsanbieter AT&T produzierter Beitrag für eine Kampagne gegen „Texting & Driving“, also das Schreiben von Nachrichten auf dem Mobiltelefon während der Fahrt. Das Verhältnis von Mensch und Technik tritt auch bei Herzogs Dokumentation LO AND BEHOLD: REVERIES OF THE CONNECTED WORLD (2016) in den Vordergrund – mit dem evokativeren deutschen Titel WOVON TRÄUMT DAS INTERNET?. Mit INTO THE INFERNO (2016), einer Netflix-Doku über Vulkane und die Menschen, die sie erforschen, begibt er sich noch einmal auf klassisches Herzog-Terrain, um dann im Anschluss ein für ihn gänzlich ungewohntes, weil geradezu konventionelles Format der biografischen Dokumentation zu drehen, das berührende und persönliche Porträt MEETING GORBATCHEV (2018).

Mit seinem jüngsten Spielfilm FAMILY ROMANCE, LLC, der letzte Woche beim Filmfestival Nippon Connection zur Aufführung kam, jedoch bisher ohne Kinostart in Deutschland ist, scheint sich für Herzog ein Kreis zu schließen: Gedreht ausschließlich mit Handkamera und ohne künstliche Beleuchtung, strahlt der Film eine Beweglichkeit und Frische aus, die sonst zuletzt seinen Dokumentationen vorbehalten war. Die Geschichte über ein real existierendes japanisches Vermittlungsunternehmen, das Familienmitglieder für die unterschiedlichsten Anlässe vermietet, entwickelt aus inszenierter Wirklichkeit zahlreiche Fragen nach einer tieferen Wahrheit über die Rollen, die wir alle spielen und nach dem, was uns als Menschen antreibt und ausmacht.

Es spricht für Herzogs ungebrochene Relevanz, dass er für die Suche danach heute keine Schiffe mehr über einen Berg ziehen muss, sondern seine großen Geschichten auch aus dem vermeintlich Kleinen entwickeln kann.

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