Maximilian Schell als THE MAN IN THE GLASS BOOTH

von Elizabeth M. Ward

Drei Jahre, bevor die NBC-Fernsehserie HOLOCAUST die Verbrechen der nationalsozialistischen Vergangenheit einer neuen Generation vor Augen führte, entstand THE MAN IN THE GLASS BOOTH (US 1975, R: Arthur Hiller). Auch wenn diese bei weitem nicht der einzige treibende Faktor war, so markierte die amerikanische Fernsehserie doch einen wichtigen Wandel im öffentlichen Bewusstsein über – und dem emotionalen Umgang mit – dem Holocaust und der Judenverfolgung.

Haben wir vordefinierte Rollen für Opfer – und wie reagieren wir, wenn Menschen nicht die Reaktionen zeigen, die wir möglicherweise erwarten?

THE MAN IN THE GLASS BOOTH macht deutlich: Wie wir uns als Gesellschaft in Zukunft an den Holocaust erinnern und inwieweit wir fähig sind, uns mit dem Erbe der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist nicht nur eine Frage des Wissens, sondern auch der Bereitschaft zum Zuhören. Gibt es in der Gesellschaft einen Platz für die ‚Schuld der Überlebenden‘, und inwieweit brauchen wir einen kollektiven Umgang damit? Lenken prominente Strafprozesse womöglich von breiteren Diskussionen über Geschehenlassen und Schuld ab? Haben wir vordefinierte Rollen für Opfer und wie reagieren wir, wenn Menschen nicht die Reaktionen zeigen, die wir möglicherweise erwarten?

Am Ende des Prozesses (…) bereitet der Film den grössten Schock

In THE MAN IN THE GLASS BOOTH spielt Maximillian Schell Arthur Goldman, einen jüdischen Holocaust-Überlebenden, der in Manhattan lebt. Goldman erweist sich als zunehmend provokant, unberechenbar und rüpelhaft. Seines sprunghaftes Verhalten scheint größtenteils damit zusammenzuhängen, dass er sich von einem ehemaligen SS-Offizier, Oberst Dorff, verfolgt glaubt. Als jedoch israelische Geheimagenten in seiner Wohnung eintreffen, stellt sich heraus, dass Goldman in Wirklichkeit Dorff ist. Dorff wird anschließend wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt. Während des Prozesses wird er zu seinem eigenen Schutz in eine Glaskabine mit einem Mikrofon begracht, das dem Richter die Möglickeit gibt, ihn zum Schweigen zu bringen, sollten Dorffs Aussagen „irrelevant“ werden. Seine immer beleidigenderen Äußerungen verärgern den Gerichtssaal. Am Ende des Prozesses ist Dorffs Schuld unbestreitbar, aber dann bereitet der Film den größten Schock: Der Mann in der Glaskabine ist letztlich nicht Dorff, sondern tatsächlich der Holocaust-Überlebende Goldman.

Die Enthüllung (…) zwingt das Publikum, den Mann auf der Leinwand immer wieder neu zu bewerten

Die Enthüllung, dass Goldman Dorff ist, und dann, dass Dorff doch Goldman ist, zwingt das Publikum, den Mann auf der Leinwand immer wieder neu zu bewerten und in der Rückschau zu beurteilen. Die Besetzung von Schell sowohl als Goldman als auch als (der falsche) Dorff macht es noch komplizierter.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Films hatte sich Schell als einer der erfolgreichsten in Hollywood tätigen europäischen Schauspieler etabliert. Auch wenn das Phänomen des Type-Castings von Schauspieler/innen sicherlich nichts Neues ist, so findet sich im Fall Maximilian Schells doch ein interessantes, wenn nicht sogar leicht widersprüchliches, Muster seiner Leinwandrollen: Im amerikanischen Kino wurde er fast ausschließlich entweder als nationalsozialistischer Täter oder als deutsch-jüdischer Holocaust-Überlebender gecastet.

Maximilian Schells Leinwandrollen im Begleitband zur DFF-Ausstellung

Exhibition Catalogue
Ausstellungsband Maximilian Schell. ISBN 978-3-88799-105-0. 39,80 EUR

Schells Oscar®-nominierte Darstellung als THE MAN IN THE GLASS BOOTH wirft wichtige Fragen darüber auf, wie wir den Holocaust in der Gesellschaft und im Film erinnern. Diese Fragen werden im Kapitel Leinwandidentitäten. THE MAN IN THE GLASS BOOTH des neuen, 320-seitigen Begleitbands zur Sonderausstellung Maximilian Schell im DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt (vorübergehend nur online erkundbar). In dem Band beleuchten siebzehn Autor/innen Schells Schauspielkarriere aus verschiedenen Perspektiven, reflektieren sein Wirken in Hollywood und geben Einblicke hinter die Kulissen seines Schaffens. Sie diskutieren Schell als Kunstsammler, seine Arbeit als Regisseur, seine große Liebe zu Shakespeare, seine Gastauftritte in Hollywood-Blockbustern der 1990er Jahre und seine Dokumentarfilme MEINE SCHWESTER MARIE und MARLENE.

Die kurzen Essays werden von Fotografien und Dokumenten aus Schells Sammlungen in den Archiven des DFF begleitet. Das Buch kann hier bestellt werden.

Elizabeth M. Ward ist Dozentin für Germanistik an der University of Hull. Sie forscht zur Kinematographie Ostdeutschlands in sozialem und historischem Kontext, mit Schwerpunkt auf den Wechselbeziehungen zwischen dem Kino der DDR und dem ‚Westen‘. Ihr Monografie East German film and the Holocaust erscheint 2020 im Verlag Berghahn Books.

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