Jetzt online: RHIZOM FILMGESCHICHTE

„Es handelt sich [beim Filmanfang] um eine der komplexesten filmischen Formen. Man könnte versucht sein zu sagen: um eine der intelligentesten Formen, jedenfalls nicht selten denjenigen Teil eines Films, in dem am meisten passiert.“
Georg Stanitzek, in
 Das Buch zum Vorspann, Berlin 2006.

RHIZOM FILMGESCHICHTE heißt das neue digitale Vermittlungsprojekt des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, das ab sofort online zugänglich ist unter www.rhizom.film. Als sinnlich gestaltete, intuitiv bedienbare Erweiterung von filmportal.de präsentiert RHIZOM FILMGESCHICHTE die ersten Minuten zahlreicher deutscher Filme und lädt zum Entdecken der Filmgeschichte ein. Themenpfade vermitteln gezielt Hintergrundwissen zu filmischen Stilmitteln und zur Faszination des Filmanfangs als besondere filmische Form.

Das Projekt lädt dazu ein, sich spielerisch über Themenpfade oder durch Schlagworte verknüpfte Werke in die deutsche Filmgeschichte zu versenken. In wenigen Klicks gelangen die Nutzer:innen von Stumm- zu Tonfilmen, von Schwarz-Weiß- zu Farbfilmen, von Slatan Dudow über Wolfgang Staudte und Helke Sander zu Wim Wenders und lernen wie nebenbei, was die Filme miteinander verbindet.

RHIZOM FILMGESCHICHTE: Idee und Methode

Die Filmgeschichte hat sich, wie jede Kunstform, nicht linear entwickelt: Künstlerische Ideen und Ausdrucksweisen, Stile und erzählerische Standardsituationen wurden stetig wieder aufgenommen, zitiert und neu gewendet. Parallel zu einer chronologischen Filmgeschichtsschreibung lässt sich die Geschichte der filmischen Kunstform auch als gleichzeitiges Nebeneinander erzählen. Dies ist das Prinzip und Ziel von RHIZOM FILMGESCHICHTE: Werke aus  allen Epochen und Gattungen des deutschen Films  werden in der neu geschaffenen Web-Umgebung  anhand motivischer, stilistischer und thematischer Ähnlichkeiten miteinander verbunden. In RHIZOM FILMGESCHICHTE realisiert sich der auch in der Ausstellungs- und Filmbildungsarbeit des DFF gelebte Anspruch, Wissen über Film durch das Zeigen und Sehen der bewegten Bilder selbst zu vermitteln. Vergleichendes Sehen ist Ausgangspunkt und Ziel der Vermittlungsidee von RHIZOM FILMGESCHICHTE.

RHIZOM FILMGESCHICHTE arbeitet mit einem besonderen Konvolut an Ausschnitten: mit den ersten fünf Minuten jedes Films. Filmanfänge eignen sich für eine vermittelnde Passage durch die Filmgeschichte besonders, weil sie die wichtige Aufgabe haben, Schauplätze, zeitliche Epochen und Figuren vorzustellen, Stimmungen zu setzen und Genres einzuleiten. Anhand von Filmanfängen lässt sich sehen und vergleichen, wie Standardsituationen in Eröffnungen quer durch die Filmgeschichte inszeniert sind, wie Musik verwendet wird, wie Titelvorspänne sich gestalterisch und auch in ihrer Funktion unterscheiden. Zum Start von RHIZOM FILMGESCHICHTE sind rund 100 Filme aus den 1910er bis 2000er Jahren im RHIZOM enthalten. Die Auswahl wurde dabei ausdrücklich nicht entlang der etablierten Klassiker des deutschen Films getroffen. Stattdessen bilden die  Filme der bundesweiten Digitalisierungsinitiative „Förderprogramm Filmerbe“ die Basis. Die Zahl der auf der Webseite vertretenen Filmanfänge wird von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr steigen.

Erweiterung von filmportal.de

RHIZOM FILMGESCHICHTE ist als Entwicklung des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum eine  neue Präsentationsebene von filmportal.de, der vom DFF betriebenen Online-Plattform für den deutschen Film. filmportal.de dokumentiert gemäß der Förderrichtlinie zur Digitalisierung des nationalen Filmerbes zentral die Ergebnisse des 2019 gestarteten Förderprogramms Filmerbe (FFE), finanziert von der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien (BKM), den Ländern und der Filmförderungsanstalt FFA. Teil der Dokumentation ist dabei die dauerhafte Vorhaltung und öffentliche Zugänglichmachung der ersten fünf Minuten aller durch das FFE digitalisierten Langfilme (Filme mit mehr als 60 Minuten Laufzeit). Mit RHIZOM FILMGESCHICHTE ist eine neue Facette von filmportal.de zur Präsentation und Vermittlung einer Auswahl dieser Filmanfänge geschaffen worden. Das zentrale Hosting der Filmausschnitte liegt bei filmportal.de, die Rechte an den Filmen verbleiben bei den jeweiligen Rechteinhaber:innen.

Themenpfade

Neben dem Herzstück des neuen Webangebots, dem rhizomatischen Knüpfwerk aus Filmanfängen, bietet RHIZOM FILMGESCHICHTE den Nutzer:innen als alternativen Zugang zu den Filmen kuratierte, mit Texten und Bildern angereicherte Pfade an. Ihnen können Nutzer:innen folgen, um ausgewählte Themen vertieft zu erschließen. Zum Launch sind vier Themenpfade verfügbar: Eine “Kleine Stilgeschichte des Filmanfangs” macht anschaulich, wie die Konventionen zum Umgang mit den ersten Minuten eines Films sich historisch veränderten: Während in der Stumm- und frühen Tonfilmzeit Filmanfänge stark den Traditionen des Theaters folgten und Vorspänne als in sich geschlossene Einheiten klar vom eigentlichen Film zu unterscheiden waren, beginnen Filme heute oft in medias res; Filmtitel und Stabsangaben werden nachgeschoben oder in den Abspann verlagert. Ein Themenpfad zur Schrift erläutert die Funktion von Text und Typographie im Filmanfang und macht deren Wirkung anhand von besonders eindrücklich gestalteten Anfangstiteln deutlich. „Verbrechen“ weist die Konventionen der ersten Filmminuten im Genre des Kriminalfilms unter anderem an einem Konvolut von Edgar-Wallace-Filmen nach. Ein Themenpfad zur Stadt untersucht filmstilistische Methoden zur  Charakterisierung des Urbanen und, als Gegenpol, des Ländlichen in der filmischen Exposition. Weitere Themenpfade etwa zur Rolle der Musik im Filmanfang und zur Bedeutung des Establishing Shots werden in den kommenden Wochen veröffentlicht.

RHIZOM: Der Begriff

In der Biologie bezeichnet der Begriff RHIZOM eine Form von Pflanzenwurzeln, die sich als komplexes Geflecht präsentieren. In der Philosophie ist das RHIZOM ein in den 1970er Jahren geprägter Begriff, der moderne Wissens- und Erkenntnisstrukturen beschreibt. Nicht mehr die traditionelle Vorstellung eines hierarchisch aufgebauten Wissens steht im Zentrum, sondern die Auffassung von Erkenntnis als einem dynamischen Prozess, der auf der ständigen Verknüpfung und Vernetzung von Wissen beruht. Dreidimensionales statt zweidimensionales Denken, Offenheit und Vielfalt statt Hinführung auf ein festgelegtes Ziel: Das RHIZOM ist das passende, das natürliche Denkmodell für unsere technologisierte und vernetzte Gegenwart.

Perspektive

RHIZOM FILMGESCHICHTE richtet sich  an eine breite filminteressierte Nutzergruppe.Das Angebot wird zukünftig auch eine physische Präsenz im Ausstellungsraum des DFF erhalten. Es ist zudem wichtige Ressource für „Constellation 2.0“, einem seit 2020 laufenden Projekt, das zum Ziel hat, die Museumserfahrung in den digitalen Raum zu erweitern ( gemeinsam mit dem Australian Center for the Moving Image in Melbourne). Die Workshops und Projekte des DFF können RHIZOM FILMGESCHICHTE für die filmvermittelnde Arbeit, im Kino und in der Schule, nutzen. Studierende des Masters „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“, dem Kooperationsstudiengang der Goethe-Universität mit dem DFF, werden in kuratorischen Übungen eigene Themenpfade erstellen und RHIZOM FILMGESCHICHTE somit erweitern. Studierende des Filmkultur-Masters waren auch in die Konzeption und die Umsetzung des Projektes eingebunden.

Realisierung
Design: Werner Goldbach, Zum Kuckuck GmbH & Co. KG, Würzburg // www.zumkuckuck.com
Technische Realisierung: Bright Solutions GmbH, Darmstadt // www.brightsolutions.de

Förderer
Dieses Projekt wird gefördert durch die ART MENTOR FOUNDATION LUCERNE sowie „experimente#digital –  eine Kulturinitiative der Aventis Foundation“.

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